Helmut Kuhn: Gehwegschäden


Roman
März 2012
€ 22,90 | € 23,60 (A) | CHF 34,50 (UVP)
439 Seiten
ISBN 978-3-627-00180-3

 

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Thomas Frantz ist Schachboxer, Flaneur aus Instinkt, freier Journalist ohne Aufträge. Die Motivation, dem Leben noch eine feste Struktur abzuringen, ist begrenzt. Frantz lässt sich durchs Großstadtleben treiben, von den Kabbalisten zu schlaflosen Swingern, von der Demo der Prekarianer in die Wettbüros Neuköllns und den alten Westen, der wortwörtlich abkackt. Unbarmherzig kommentiert er, was er sieht: das Heer derer, die sich mit Diplom und Aushilfsjobs direkt in die internationalen Märkte hineinträumen und dabei in Streetart, Esoterik und Pecha-Kucha-Nächten einen Rest von Lebenssinn suchen. Er recherchiert die Geschichte der ehemaligen SED-Verwaltungszentrale, zuvor Hauptquartier der Hitlerjugend und davor Kaufhaus jüdischer Geschäftsleute, die von Londoner Heuschrecken mit großzügiger Ignoranz gegenüber den Grausamkeiten der Geschichte in einen Society-Club und Wellnesstempel umgebaut wird. Wie Berlin überhaupt zu einem gewaltigen Spielplatz mutiert ist und sich aufteilt in Zonen von Invitrokindern und verwahrlosten Jugendlichen.
Frantz, der notorische Chronist, seziert mit wachsender Wut, was ihn tagtäglich an Lügen umgibt. Als schließlich die bezaubernde junge Doktorandin Sandra durch sein Leben fegt wie der Hurrikan Katrina, könnte alles noch einmal anders werden.
Mit brillanter fragmentarischer Ästhetik, in scharfsinnigen und grotesken Miniaturen beschreibt Gehwegschäden die schleichende, gewaltige Veränderung einer Gesellschaft, in der gradlinige Lebensgeschichten längst der Vergangenheit angehören. In literarischer Auseinandersetzung mit Döblins Berlin Alexanderplatz und Musils Der Mann ohne Eigenschaften nimmt es dieses Buch mit einem Thema auf, das keine klassische Form mehr zulässt und das evident wird in einer Stadt, in der die auf Gehwegschäden hinweisenden Schilder an jeder Ecke zur Normalität geworden sind: Es wird hier nichts mehr repariert, wir haben uns abgefunden.

 

 
 





 
 



 
 




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Das Buch von Helmut Kuhn beschreibt die Gesellschaft mit einer erschütternden Klarheit und Prägnanz. Es zeigt, was unter der Oberfläche des schönen, netten Berlins an zerstörten Lebensgeschichten existiert. Es zeigt den ständigen Überlebenskampf einer sehr breiten gesellschaftlichen Schicht und mit welcher Ignoranz die Gesellschaft darüber hinweg geht. Das Bild der Gehwegschäden ist die Metapher der heutigen Zeit: Es wird nichts repariert, es wir einfach laufen gelassen. Das Buch beschreibt die Brutalität der heutigen Gesellschaft. | Sahra Wagenknecht in 3satbuchzeit

Gehwegschäden von Helmut Kuhn ist einer der besten Berlin-Romane der letzten Jahre, atmosphärisch dicht und detailgenau. (...) Gehwegschäden ist wie sein berühmtes Vorbild Berlin Alexanderplatz nicht nur ein Roman über das Lebensgefühl im östlichen Zentrum der Hauptstadt, sondern benutzt dieses Soziotop für einen Gegenwartsbefund, der bei allem Humor nicht unbedingt fröhlich stimmt. | Deutschlandfunk Büchermarkt

Helmut Kuhns Roman verneigt sich vor Berlin Alexanderplatz und liest sich ebenso witzig wie rasant. (...) Es dürften sich kaum mitreißendere, witzigere Darstellungen sozialer Brücher und Zwänge finden lassen als in einigen Passagen dieses Romans. | Spiegel Online