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Leseprobe
So klar wie an diesem Buch hat sich die oft erhoffte, selten erzielte umwälzende Wirkung von Geschriebenem lange nicht mehr gezeigt. Kaum sechs Monate nach dem ersten Erscheinen von »Der Zaun am Ende der Welt« kippte bereits der deutsch-deutsche Limes - dabei hatte ich ihn in dem Kapitel über das Palisaden-Paradox nur gestreift! Ein Nebensatz (S. 41) war Menetekel genug.
Zehn Jahre blieb die eigentliche Ursache für den Fall der Mauer im Herbst 1989 unbemerkt, und zehn Jahre habe ich, was diesen Punkt angeht, Schweigen gewahrt. Nun aber sind die Enden des Jahrzehnts, des Jahrhunderts und des Jahrtausends sowie das Ende der Verschwiegenheit erreicht. Nun soll gesagt sein, wie es wirklich gewesen ist. Wer sich heute zu einem Spaziergang hinter den Zaun locken läßt, wird erkennen: Die deutsche Geschichte des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts muß im Lichte dieser historischen Wühlarbeit neu geschrieben werden.
Was ist - außer dem Mauerfall - seit dem ersten Erscheinen des Buches noch geschehen?
Erstens. Meine Mutter förderte in ihrem weitläufigen Fotoarchiv jenes Bild des weltendekundigen Herrn Wachtmann (S. 25) zutage, das sie rechtzeitig für die erste Ausgabe partout nicht hatte finden können.
Zweitens. Aus dem Osten drang über die nunmehr offene Grenze eine überraschende Kunde zu mir: Für die in dem letzten Kapitel über die Allerweltsenden (S. 91) zitierte Spruchweisheit »Und treffen wir uns nicht in dieser Welt, so treffen wir uns in Bielefeld« erhebt »Bitterfeld« als Reimwort Prioritätsansprüche. Wahrscheinlich sind diese Ansprüche sogar berechtigt. Trotzdem konnte ich sie im Text nicht berücksichtigen, weil ich bis heute nicht geklärt habe, ob es in Bitterfeld auch einen »Wienerwald« gibt. Schlimmer noch - seit über der Brathähnchenstation Rothschildallee, Ecke Rohrbachstraße in Frankfurt am Main, die ich gelegentlich aufsuche, vor einigen Monaten die Leuchtbuchstaben W-A-L-D hinter WIENER durch die Buchstaben G-R-I-L-L ersetzt wurden, lebe ich in der Sorge, daß es jetzt womöglich auch in Bielefeld keinen echten »Wienerwald« mehr gibt und meinem Buch auf diese Weise nach und nach seine Faktengrundlage abhanden kommt.
Drittens. Vom Ende Englands konnte ich vor zehn Jahren nur an Hand einer Zeitungsmeldung berichten, es sei 1981 für eine Million britische Pfund von einem gewissen Charles Neave-Hill zum Verkauf angeboten worden (S. 72f.). Was aus diesem Mann geworden ist und wieviel er schließlich für sein Grundstück erlöste, weiß ich nicht. Aber verkauft hat er! Zusammen mit Viktoria und unseren Kindern habe ich 1993 einen Vorstoß nach Südengland unternommen, um endlich mit eigenen Augen zu sehen, wie es auf dem letzten Hektar von Cornwall aussieht. Hinter Penzance gelangten wir auf einen riesigen, nicht zuletzt mit Reisebussen dicht besetzten Parkplatz. Von hier führte der Weg zwischen Ticket-Countern, Info-Ständen und Souvenir-Shops in einen Vergnügungspark, wo bereits zahlreiche vergnügungslustige Menschen aus aller Herren Länder zwischen verschiedenen Attraktionen umherwandelten, darunter das multisensorische Erlebnislabyrinth, das Selbstbedienungsrestaurant, die cornische Töpferwerkstatt und die »lebensgroße« Galeone, der Abenteuerspielplatz für die Sieben- bis Zwölfjährigen. Die Firma, die alles das ersonnen hat und betreibt, hat sich den sinnreichen Namen »Land's End Limited« gegeben.
Viertens. Einige Jahre nach dem ersten Erscheinen dieses Buches wurde eine Maschine erfunden, von der ich während der Arbeit, vor allem beim Ausfindigmachen und Zusammentragen von Zitaten und Belegstellen, gelegentlich geträumt hatte - die Suchmaschine. Der Zaun am Ende der Welt besitzt die leidige Eigenschaft, daß man ihn in Lexika, Katalogen, Registern nicht nachschlagen kann. Anders als »Adenauer«, »Eschatologie« oder »Zypern« zählt er nicht zu den seriösen Stichwörtern. Aber seit man den Computer in großen elektronischen Textarchiven, ob auf CD-Silberscheiben oder im Internet, nach Wörtern wie »Ende der Welt«, »zugenagelt«, »brettervernagelt« oder nach Sätzen, in denen sowohl »Zaun« als auch »Ende« vorkommt, suchen lassen kann, sind neue, unverhoffte Funde möglich. Eichendorffs »Irren Spielmann« (S. 111) oder die Stelle aus Heines »Harzreise« (S. 108) hätte ich mit Glück oder Geduld auch auf herkömmliche Weise finden können - es war jedoch die »Volltextsuche« in der Digitalen Bibliothek, die mir diese Stücke zuspielte.
Fünftens. Seit der Öffnung des Internets für jedermann ist die Metaphorik der Meerfahrt, des Ausschweifens in die Ferne des Raumes wieder en vogue. Das Diktum des römischen Feldherrn Pompeius, »Navigare necesse est« oder: Seefahrt tut not, das einst auch die Kapitäne der Hanse inspirierte, ist wieder Leitspruch und Lenkwort, seit die Surfer mit dem »Navigator« oder dem »Explorer« auf die Weiten des Datenozeans hinaussteuern und, sofern sie nicht in den Informations- und Bilderfluten untergehen, bis zu den Enden des Cyberspace vorzudringen versuchen, von denen bis heute niemand weiß, wo sie wirklich liegen und ob auch dort ein Zaun errichtet ist. Nach meinen bisherigen Erkundungen findet man dort zumindest ein Museum mit Bibliothek und Beirat, vor dessen Haustür sich gelegentlich die Walfische beißen. Seine Adresse lautet:
http://tierradelfuego.ml.org/funcardio/hanisg.htm
Sechstens. Nun wächst allerdings von Tag zu Tag, vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, die Zahl jener Menschen, die davon überzeugt sind, daß uns kaum noch Zeit bleibt, die Weltenden im virtuellen Raum zu erkunden, weil nämlich die Computer, mit denen wir dies tun könnten, sich anschicken, der Welt, wie wir sie kennen, in Kürze ihr zeitliches Ende zu bereiten. Die Schrift an der Wand, das Menetekel über dem Ende dieses Jahrtausends oder vielmehr über dem Beginn des nächsten liest sich: TEOTWAWKI (sprich: ti-oh-tawa-ki) - »The End Of The World As We Know It«.
Das Problem besteht, kurz gesagt, darin, daß Programmierer ihre Computerprogramme bis vor einigen Jahren so anlegten, daß für die Jahreszahl in einer Datumsangabe, genau wie für Tag und Monat, zwei Zahlenstellen verfügbar waren. Wenn nun an Silvester 99 die interne Uhr in Rechnern, die mit solcher älteren Software ausgerüstet sind, auf den 1. Januar des Jahres 00 springt, dann ist der Maschine nicht klar, wie sie die Doppelnull deuten soll: als Rücksprung nach 1900, als Vorsprung nach 2000, als ungültiges Datum oder vielleicht sogar als antiquierte Abkürzung für »Abort«?
Was geschehen wird, wenn Computer, Großrechenanlagen, Netzwerke, von deren Funktionieren bekanntlich weite Teile unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems abhängen, plötzlich mit dem Kalender nicht mehr klarkommen, ist unklar: Kleine Unregelmäßigkeiten, die sich leicht korrigieren und reparieren lassen? Strikte Befehlsverweigerung mit nachfolgendem Crash? Globale Kettenreaktionen in vernetzten Systemen mit verheerenden Konsequenzen für Versorgung und Verkehr? The End of the World as we Know It?
Behörden, Banken, Versicherungen, die mit Informationen arbeiten, deren Aussagekraft auf korrekten Datumsangaben beruht, nehmen das Problem nicht auf die leichte Schulter. Seit sie es erkannt haben, sind sie bestrebt, ihre Programme »Jahr-2000-tauglich« zu machen, das heißt, auf den Umgang mit vierstelligen Jahreszahlen vorzubereiten. In den Details stecken allerdings jede Menge Teufel, und Leute, die nicht glauben mögen, daß ihre Bank alle diese Teufel rechtzeitig auszutreiben imstande ist, könnten auf die Idee verfallen, noch rechtzeitig vor dem 1. Januar 2000 ihr ganzes Geld abzuheben, weil sie befürchten, daß die Bank nach diesem Tag und dem Zusammenbruch ihrer Datenverarbeitung für längere Zeit nicht mehr aufmachen wird. Und wenn viele Bankkunden so denken und ihr Mißtrauen in die Tat umsetzen, dann wird die Bank tatsächlich nicht mehr aufmachen, sondern, mit oder ohne Computerdefekt, zusammenbrechen, weil ihr nämlich das Bargeld ausgeht.
Andere Szenarien beschreiben, wie über dem millennium-bug, dem »Jahrtausendfehler«, die Stromversorgung und damit unser kompletter Alltag zusammenbricht, und sie tun dies in so dramatischen Worten, daß inzwischen eine ganze Survival-Branche entstanden ist, die gute Geschäfte macht, indem sie den Leuten, vom benzingetriebenen Stromgenerator bis zum Tarnanzug, Dinge verkauft, die sie brauchen könnten, wenn »die Welt, wie wir sie kennen«, mit dem Anbruch des nächsten Jahrtausends untergeht. Noch lauter als zu Zeiten des Nachrüstungsbeschlusses (S. 76f.) ertönt im Zeichen des computergestützten Millenarismus der Aufruf zur Flucht vor dem zeitlichen Ende der Welt an das räumliche Ende der Welt. Womit wir auf dieser Flucht zu rechnen haben und was wir dabei bedenken sollten, beschreibt Alexander Kr. Wilhelmsen auf seiner Survival-Seite im Internet.
Lenken Sie keine Aufmerksamkeit auf sich
Das ist einer der wichtigsten Aspekte des Überlebens. Sie wollen nicht, daß irgendwer, ob Freund oder Feind, von Ihnen Notiz nimmt, wenn sie sich absetzen und nachdem Sie Ihren Zielort erreicht haben.
Wenn die nicht ausreichend vorbereiteten TEOTWAWKI-Opfer herausfinden, daß Sie über Ressourcen, Nahrungsmittel, Arznei, Wasser usw., verfügen, dann werden sie (nach kurzer Zeit) mit Ihnen »teilen« wollen. Sehr wahrscheinlich sind Ihre Ressourcen das Ergebnis vorausschauender Planung und Vorbereitung. Sie haben ein Versteck mit Vorräten angelegt, das Ihnen und Ihrer Familie helfen soll, eine gewisse Zeit zu überleben, bis Sie Ihren Lebensunterhalt wieder durch Anbau von Feldfrüchten, Jagen oder Sammeln bestreiten können.
Die meisten Menschen werden über solche Ressourcen jedoch nicht verfügen - also werden sie versuchen, sich etwas zu organisieren, und wenn diese Leute Ihr Zeug sehen, werden sie es sich holen - es dauert nicht lange, bis die Verzweiflung über Moral und Gesetzestreue siegt.
Tarnung ist also ein wesentliches Element des Überlebens - Ihr Fahrzeug, Ihr Unterschlupf, Ihre Verstecke und Sie selbst können mit etwas Tarnung völlig uninteressant erscheinen...
Besonders wichtig sind in meinen Augen zwei Dinge:
Abgelegenheit
Zugänglichkeit
Abgelegenheit bedeutet hauptsächlich, daß man Gegenden meiden sollte, in denen mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschen unterwegs sind - also die Umgebung von Großstädten, Militäranlagen, bekannte Erholungsgebiete, Straßen, landwirtschaftlich intensiv genutzte Gegenden mit großem Viehbestand. Zugänglichkeit betrifft die Frage, wie leicht Ihr Unterschlupf erreichbar ist. Eine mit dichtem Wald und Buschwerk bedeckte, vielleicht auch von zahlreichen kleinen Bachläufen durchzogene, bergige, felsige Gegend als Ort für Ihren Unterschlupf wirkt auf Menschen, die nach Nahrung und Wasser Ausschau halten, nicht einladend.
Suchen Sie sich ein Gebiet aus, das andere Menschen wahrscheinlich meiden.
Ich habe mir überlegt, daß ich meinen Unterschlupf (natürlich erst im Laufe der Zeit) mit einer fast undurchdringlichen »Hecke« aus großen, möglichst mit Nadeln oder Dornen bewehrten Büschen und mit Fallgruben außerhalb der Hecke umgeben werde - und zwar, um sicherzustellen, daß nur die entschlossensten Feinde überhaupt in Erwägung ziehen, sich da hindurchzukämpfen und nachzusehen, was auf der anderen Seite ist...
Für ein abschließendes Urteil darüber, welche Folgen die beiden fehlenden Datumsstellen wirklich haben werden, ist die Zeit noch nicht reif. Am 3. Januar 2000 (der 2. fällt auf einen Sonntag, da sind die Banken ohnehin zu) wissen wir mehr - so wie Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die Sie dieses Buch erst nach jenem uns noch bevorstehenden Tag, jenem von Krisen- und Crash-Gefahr umlagerten Datum zur Hand genommen haben. Sie wissen bereits, was uns hier diesseits von TEOTWAWKI noch längst nicht klar ist: welche prophylaktischen Anstrengungen beherzigenswert gewesen wären. Wie haben Sie den Übergang gemeistert? Haben Sie sich in menschenleeres Gelände abgesetzt? Haben Sie ein Versteck mit Vorräten angelegt, Fallgruben gegraben, eine Dornenhecke gepflanzt, Ihren Tarnanzug an- und die Waffe bereitgelegt? Oder sind Sie in Ihrem Sessel, auf Ihrem Stuhl, an Ihrem Tisch aus dem letzten Jahrtausend einfach sitzen geblieben? Ich kann es von hier, wo ich gerade sitze, nicht erkennen. Ich sehe nur dies: Ob zu Hause oder am Ende der Welt - Sie haben hinter dem Zeitzaun einen Unterschlupf gefunden, einen Unterschlupf zwischen Nirgendwo und Überall, einen Unterschlupf im Taschenformat, und eben jetzt - das können Sie nicht verheimlichen, nicht vor mir - lesen Sie darin und werden wahrscheinlich gleich nachsehen, »was auf der anderen Seite ist«. Mir soll es recht sein. Ich teile gern.
R.K., am 30. Mai 1999
Bitte weiterlesen in:
Reinhard Kaiser: Der Zaun am Ende der Welt
Abschließend erweiterte JahrtausEndausgabe
155 Seiten mit 25 Abbildungen, Geb.,
€ 17,50 [D]
ISBN 3-627-00068-4
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